Steigender Anteil der Silver Economy
Die Abhängigkeiten zwischen jüngeren und älteren Bevölkerungsschichten – sprich: der sogenannte „Generationenvertrag“ – verändern sich.Auf jüngere Generationen kommt ein höherer Aufwand zu, was die Finanzierung des Wohlfahrtsstaates betrifft. Gemessen werden kann dieser Effekt beispielsweise über die Abhängigkeitsquote, welche sich auf die Anzahl der Menschen über 64 im Verhältnis zur Anzahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter (15–64 Jahre) bezieht.
Nach Angaben der Vereinten Nationen ist die Abhängigkeitsquote seit 1950 weltweit um 75 % gestiegen und hat bereits durchschnittlich rund 15 Abhängige pro 100 Personen im erwerbsfähigen Alter erreicht (gegenüber etwa 8 Abhängigen im Jahr 1950). Es wird prognostiziert, dass die Abhängigkeitsquote in Zukunft weiter steigen wird.
Ein größerer älterer Bevölkerungsanteil wird in Zukunft also abhängig sein von einer sinkenden Anzahl der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, die in Probleme kommen könnte, sie zu unterstützen – sowohl in wirtschaftlicher als auch in sozialer Hinsicht. Eine wachsende ältere Bevölkerung wird einer schrumpfenden Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zwei Arten von Kosten auferlegen:
Zum einen wirtschaftliche Kosten in Form höherer Ausgaben für Gesundheitsversorgung und soziale Sicherheit und
zum anderen soziale Kosten, da Erwachsene im erwerbsfähigen Alter aufgefordert werden, sich stärker um die alternde Bevölkerung zu kümmern.
Ziel: Soziale Leistungsträger statt Abhängigkeit
Daher muss es die Zielsetzung sein, dass Menschen ihre zusätzlichen Lebensjahre als soziale Leistungsträger statt als Abhängige gestalten können. Die Hebel, um die Abhängigkeit einer alternden Bevölkerung zu minimieren, sind vielfältig – dabei lassen sich vier Dimensionen unterscheiden:
Erstens geht es um die Maximierung des wirtschaftlichen Beitrags älterer Bevölkerungsgruppen, einschließlich der Weiterentwicklung der Arbeitsmärkte zur Unterstützung eines längeren Erwerbslebens.
Zweitens ist die Förderung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit im Alter durch finanzielle Inklusion und Einbeziehung des Älterwerdens in die öffentliche und private Finanzplanung ein wesentliches Ziel.
Drittens gilt es, Abhängigkeiten im Alltag zu verhindern, und zwar durch Förderung eines gesunden Alterns, einschließlich der Umstellung auf ein stärker präventiv ausgerichtetes Gesundheitssystem.
Als vierte Dimension ist die Sicherstellung des Zugangs zu erschwinglicher Gesundheitsversorgung für alle, einschließlich der Förderung des Angebots an Pflegekräften und der Optimierung von Gesundheits- und Pflegesystemen, als Ziel zu formulieren.
Rolemodel Japan
Aus den Erfahrungen Japans mit der Bevölkerungsalterung lassen sich drei Lehren ziehen.
Zunächst erfordert der Übergang zu einer Bevölkerung, die älter ist als je zuvor, eine geeignete Reaktion und nicht den Versuch, den Kurs des Älterwerdens umzukehren. Bemühungen zur Bekämpfung sinkender Geburtenraten sind nach aktuellen Trends wenig erfolgversprechend.
Die zweite Lehre ist, dass sich die Alterung in der Bevölkerung auf viele verschiedene Bereiche der Wirtschaft auswirkt – darunter Wohnungswesen, Gesundheitswesen, Renten und Arbeitsmarkt.
Und schließlich ist die Erhöhung der Erwerbsbevölkerung ein wichtiger Bestandteil der Reaktion auf die Bevölkerungsalterung und kann die Förderung von Migration, integrativen Arbeitsplätzen und längeren Erwerbsbiografien umfassen.
Mit starken und weniger starken Anreizen, ältere Arbeitnehmer:innen im Arbeitsprozess zu halten, wird jedenfalls ein Trend unumkehrbar sein: Die Bedeutung der Nachfrage der „Silver Economy“ wird relativ und absolut stark ansteigen.

Wie hoch ist aber die Kaufkraft älterer Menschen tatsächlich?
Es zeigt sich, dass das reale verfügbare Einkommen (RDI) älterer Menschen im Laufe der Jahre gestiegen ist. Seit 1990 zeigen beispielsweise Daten aus den USA, dass das RDI für Erwachsene ab 65 Jahren im Durchschnitt um 1,5 % pro Jahr gestiegen ist, damit etwas schneller als das RDI jüngerer Generationen. Seit 2010 hat sich die Steigerungsrate auf +1 % pro Jahr verlangsamt, wobei Menschen unter 35 Jahren nun das schnellste Wachstum des verfügbaren Einkommens verzeichnen (+1,7 % pro Jahr). Insgesamt verfügten ältere Erwachsene im Jahr 2022 über ein um etwa 65 % höheres verfügbares Einkommen als 1990, etwa 50 % mehr als im Jahr 2000 und etwa 10 % mehr als im Jahr 2010. Ältere Erwachsene haben heute also deutlich mehr Geld für Konsumgüter und Dienstleistungen zur Verfügung als in den letzten Jahrzehnten.
Branchen und Wirtschaftssektoren, die im Zusammenhang mit der „Silver Economy“ besonders im Mittelpunkt stehen
Medizin
An erster Stelle steht die medizinische Ebene. Eine ältere Bevölkerung bringt eine Zunahme von Krankenhausaufenthalten, chronischen Erkrankungen und mangelhafter Ernährung respektive Übergewicht mit sich. Mangelhafte Ernährung und Übergewicht stehen auch in engem Zusammenhang mit einem gesunden Alterungsprozess und Krebserkrankungen.
Consumer Health
Der Wirtschaftssektor „Consumer Health“, also individuelle Gesundheitsinformationen und -produkte, ist in den letzten Jahren weltweit um konstante 4–5 % jährlich gewachsen. Bedeutende Produktbereiche in dieser Kategorie sind beispielsweise Erkältungs- und Grippemittel, Vitamine sowie Mineralstoffe und Nahrungsergänzungsmittel. Das Älterwerden der Bevölkerung wird das Wachstum von „Consumer Health“ auch langfristig weiter unterstützen, da die Alterskategorie 65+ einen höheren Prozentsatz der Gesamtausgaben für individuelle Gesundheit aufwendet.
Auch der Markt für Nahrungsergänzungsmittel und Proteinprodukte wächst stark und weist nicht zuletzt wegen der „Silver Economy“ ein Umsatzwachstum von durchschnittlich 10 % pro Jahr auf. Der Absatz profitiert von der steigenden Lebenserwartung, da der Bedarf an Proteinzufuhr mit zunehmendem Alter ansteigt. Generell hat das Gesundheitsbewusstsein älterer Menschen deutlich zugenommen, was den Anstieg des Konsums von Proteinprodukten und Nahrungsergänzungsmitteln unterstützt.
Finanzbranche
Was die Finanzbranche betrifft, so haben ältere Menschen oft spezifische finanzielle Bedürfnisse und Herausforderungen. Die Bedeutung der staatlichen Pension im Rahmen eines Umlageverfahrens wie in Österreich ist weltweit unterschiedlich hoch. Das von Pensionskassen verwaltete Vermögen hat stark zugenommen und macht aktuell 80 % des BIP der 19 größten Pensionskassenmärkte aus.
International ist ein Wandel hin zu einer stärkeren individuellen Verantwortung für die Altersvorsorge zu beobachten. Derzeit sind nach Untersuchungen des Versicherungskonzerns Aegon bereits zwei von fünf Menschen (39 %) auf Ersparnisse angewiesen, um ihren Ruhestand adäquat zu finanzieren. Für Anbieter wie Lebensversicherungen und Asset-Manager ergeben sich damit enorme Chancen. Dabei ist die Sicherstellung einer stabilen Altersvorsorge entscheidend. Ältere Menschen investieren oft konservativer. Finanzprodukte, die auf Sicherheit und stabile Erträge abzielen, sind besonders attraktiv.
Freizeitaktivitäten
Freizeitaktivitäten spielen eine wichtige Rolle für das Wohlbefinden im Alter. Dazu zählen kulturelle Angebote von Museen, Theatern und Konzertveranstaltern, aber natürlich auch Sport und Bewegung. Laut einer Studie von Global Industry Analysts wird der globale Markt für Senior:innensport bis 2025 auf etwa 100 Milliarden US-Dollar geschätzt. Dies umfasst Sportbekleidung, Fitnessgeräte, Mitgliedschaften in Fitnessstudios und andere sportbezogene Ausgaben. In den USA sind etwa 25 % der Mitglieder von Fitnessstudios über 55 Jahre alt. Diese Zahl steigt kontinuierlich. Auch für den Reisemarkt gewinnt der Anteil der Senioren und Seniorinnen stetig an Bedeutung.
Die „Silver Economy“ trägt erheblich zum Wachstum der Tourismusindustrie bei. Laut einer Studie von Oxford Economics wird der Beitrag der Senior:innen zur globalen Tourismusindustrie bis 2025 auf etwa 400 Milliarden US-Dollar geschätzt. In Europa geben Senior:innen über 50 Jahre jährlich etwa 120 Milliarden US-Dollar für Reisen aus, was etwa 28 % der gesamten Reiseausgaben ausmacht. Senior:innen reisen häufiger als jüngere Altersgruppen. Laut einer Studie von AARP reisen europäische Senior:innen über 50 Jahre durchschnittlich 2- bis 3-mal pro Jahr, und damit 1,7-mal so oft wie die Gesamtbevölkerung.
Technologie
Technologie und künstliche Intelligenz sind für die Silver Economy von entscheidender Bedeutung. Technologische Errungenschaften können ein längeres Arbeitsleben ermöglichen. Spätestens die Pandemie hat eine neue Welt der hybriden und Remote-Arbeit eröffnet, die für ältere Arbeitnehmer:innen oft attraktiv ist.
Digitale Technologie und Konnektivität untermauern diesen Trend und werden sich weiter fortsetzen. Laut einer Studie von Microsoft nutzen etwa 20 % der Arbeitnehmer:innen über 55 Jahre regelmäßig Microsoft Teams. Analysen zeigen, dass Arbeitsplätze in den letzten 30 Jahren altersfreundlicher geworden sind und mit weniger körperlicher Arbeit und mehr Flexibilität und Eigenständigkeit verbunden sind. Bezüglich des bevorstehenden KI-Zeitalters könnte die künstliche Intelligenz einen größeren Teil der Last alltäglicher Aufgaben übernehmen, sodass älteren Arbeitnehmer:innen mit viel Know-how so mehr Zeit für sinnvollere Tätigkeiten mit Mehrwert bleibt.

Autor
Mag. Wolfgang Pinner, Leiter Corporate Responsibility bei der Raiffeisen KAG
Zusammengefasst ist ein starkes Wachstum der "Silver Economy" vorprogrammiert. Daraus ergeben sich Chancen und Risiken.
Chancen betreffen Hersteller von Produkten und Dienstleistungen, die speziell von älteren Menschen nachgefragt werden.
Risiken bestehen auf der Finanzierungsseite und besondere Herausforderungen unter anderem in puncto einer möglichst lang andauernden Inklusion im Arbeitsprozess.

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